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Kritik zu Raumklang: Die Birckholtz-Trompete von 1650: Werke von Thomsen, Arnold, Buxtehude u. a.
Altmetall recycled
Paul Hübner, 05.12.2009
Die Birckholtz-Trompete von 1650: Werke von Thomsen, Arnold, Buxtehude u. a. Label: Raumklang , VÖ: 16.10.2009 Spielzeit: 057:16 Nicht nur die aktuelle Musik bietet uns die Möglichkeit, neue Klänge zu erfahren: auch auf dem Gebiet der Musik, die vor Jahrhunderten entstand, gibt es Interpreten, die sich an den Rändern tummeln. Der Trompeter Jean-François Madeuf gehört dazu: nicht nur, dass er sich fast ausschließlich den mannigfaltigen Formen historischer Blechblasinstrumente widmet, er ist auch Vorreiter was die geschichtlich adäquate Spielweise dieser Instrumente angeht. So ist er einer der ganz wenigen Trompeter, die auf die Intonationskorrekturlöcher an Barocktrompeten verzichten, die seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts das Naturtrompetenspiel einfacher und verlässlicher machen - dies nicht nur aus Gründen historischer Redlichkeit, sondern mit einem klaren Klangideal vor Augen, das allein diese Spielweise garantiert. In der edition raumklang ist nun eine CD erschienen, die sich ganz der historischen Naturtrompete widmet - und zwar einer ganz bestimmten, der Birckholtz-Trompete von 1650. Das Instrument des Nürnberger Trompetenbaumeisters Wolff Birckholtz hing jahrhundertelang unbeachtet im Altarraum der Kirche zu Belitz in Mecklenburg-Vorpommern. Der Musikinstrumentenbauer Michael Münkwitz, der auf der vorliegenden Einspielung auch als Trompeter in Erscheinung tritt, hat das Instrument untersucht, vermessen und mit traditionellen Handwerkstechniken des siebzehnten Jahrhunderts nachgebaut. Auf diesen Instrumenten spielen nun Jean-François Madeuf und sein Ensemble eine Musik, die vielleicht auch der Stabstrompeter Jacob Hintze, vormaliger Besitzer des Instrumentes, damals gespielt haben mag. Gleichzeitig dokumentiert die Zusammenstellung den Übergang der Trompete vom reinen Gebrauchs- und Signalinstrument hin zu einem der populärsten Instrumente der Barockmusik. Streng kodifizierte Signale aus den Notenheften des norddeutschen Trompeters Magnus Thomsen eröffnen die Sammlung, und der Schritt vom Jingle zur Kunstmusik ist nur ein kleiner: Sonaten von Daniel Speer oder Nikolaus Hasse beziehen ihr Material direkt aus der Tradition kriegerischer oder tageszeitlicher Signale. Die Kunst speist sich aus der ‚art de la guerre', der Kriegskunst, die bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, im Dreißigjährigen Krieg, traurige Alltagsrealität war. Nicht nur historische Trompetenklänge erfüllen die Dorfkirche Belitz, in der diese Aufnahmen eingefangen wurden, mit Leben; auch die Kersten-Orgel von 1784 ist Teil des Raumklanges, so mit dem Präludium in g von Dietrich Buxtehude oder einer historisch fundierten Improvisation, die eine Duosonate von Johann Pezelius gliedert. Die farbig orchestrierte 'Sonata à 5 Batallia ex C' von Paul Hainlain, mit dem kompletten Trompetenensemble, Posaunen und einem Dulzian, beschließt die eindrucksvolle Einspielung. Über den Originalklang der Naturtrompete weiß man heute nicht mehr viel: Intonationslöcher, moderne Mundstücke und eine Spielweise, die von der musikalischen Sozialisation der Ventilblasinstrumente geprägt ist, haben mit der Zeit den Originalklang immer mehr verschleiert. Jean-François Madeuf gibt uns mit seiner Arbeit eine Ahnung davon, wie es gewesen sein könnte. Das klingt aufregend anders als selbst von historisch informierten Aufnahmen gewohnt: der Klang ist archaischer, reichhaltig spektral, für die modernen, wohltemperierten Ohren oft schon an der Grenze des Unreinen - dabei ist doch eigentlich die obertonbasierte Naturtrompete das Paradeinstrument reiner Stimmung. Gleichzeitig wird der Ton obertonreicher und die Artikulation vielfältiger, mit wunderbaren Farbunterschieden, die die ansatzgesteuerten Intonationskorrekturen mit sich bringen. Madeuf entführt den Hörer in die Welt der Additions- und Differenztöne, des reinen Wohlklangs, der perfekten Proportionen, die schon die alten Griechen zur Annahme eines harmonischen Weltbildes veranlasst haben. Zugleich schwappt ein Stück Zeitgenossenschaft aus vergangenen Zeiten ins Jetzt: Indem wir hören, was damals Neues bedeutete, adoptieren wir für ein paar Minuten wenigstens die Wahrnehmung eines Menschen längst vergangener Zeiten - so bleibt diese Musik lebendig. Klassik.com Dezember 2009 |






